Freitag, 27. Mai 2011

Atomkraft und wirtschaftliche Verwirrungen

Wenn ich hier auch nicht wahnsinnig viel Ungesagtes zur Sprache bringen werde, ist es aus aktuellem Anlass wohl doch unausweichlich, hier einige Gedanken zum Thema anzubringen. Besonders wichtig dünken mich die Themenkreise um die Technik/Umwelt, die Wirtschaftsvertreter und die Journalisten.

Technisch, als nicht-Nuklearexperte, kann ich nicht sagen, wie sicher oder unsicher diese Kraftwerke in der Schweiz wirklich sind. Berichte über Risse im Kernmantel in einem Schweizer AKW ist natürlich beängstigend, ebenso die Erkenntnis, dass das japanische AKW schon vor der Tsunami-Welle zur Kernschmelze ansetzte, doch für mich ist das wahre Problem der Nuklearenergie das Uran: Einerseits die Lagerung, über die schon viel diskutiert wurde: vor 100'000 Jahren gab es noch keine menschliche Kultur von der wir die geringsten Überlieferungen oder Artefakte haben. Solange müssten die Brennstäbe gelagert werden. Bis eine rationale Warnung zu einer Religion wird, dauerte es bis her in der Regel 5 bis 10 Generationen. Man kann sich vorstelen, wie in 2000 Jahren eine Warnung interpretiert wird, welche sagt ein gewisser Ort dürfe nicht betreten werden, weil sonst ein unsichtbarer Tod droht. Hatten wir solche Warnungen nicht auch an vielen südamerikanischen Tempeln? Wurden diese von Europäern beachtet? Glaubt jemand ernsthaft, in 2000 Jahren sei die Menschheit noch so global vernetzt und technologiesiert wie heute?
Da wäre anderseits aber auch der Abbau von Uran. Die fortschreitende Zerstörung der letzten freien Aboriginals in Australien wäre dank freien Medien theoretisch bekannt. Wie eh und je wird einem aber die Möglichkeit sehr leicht gemacht, einfach wegzusehen und nichts davon zu hören, wie seinerzeit mit der Aphartheit in Südafrika, oder den Juden in Nazideutschland. Man könnte es wissen, aber so richtig bewusst ist es niemandem. Nun sind nicht nur Rassismus, Arroganz und Ethnozentrismus der Grund, warum diese letzten freien Aboriginals bedroht sind. Ein weiterer Grund ist die Zerstörung des Lebensraums dieser Menschen, unter anderem wegen dem Abbau von Uran, welcher ausgedehnte Gebiete unbewohnbar macht. Wenig überraschend: wie wir wissen, ist Uran hochgiftig. Wie wir uns auch denken können, bleiben beim Abbau immer Überreste, die nicht abtransportiert werden können, oder auch einfach verstrahlte Erde, die sich nicht lohnt abzutransportieren. Kurz, der Abbau von Uran geht nicht ohne massive Umweltzerstörung, und das sollte bei der "sauberen" Atomkraft genauso beachtet werden, wie die Lagerung vom Uran und der CO2-Ausstoss bei der Produktion von AKWs.

Wirtschaftlich ist die Diskussion zur Zeit fern von aller Rationalität: Wirtschaftsverbände, welche angeblich "die Wirtschaft" vertreten, argumentieren völlig im Dienste der grossen Elektrizitätsproduzenten. Kein Wunder: Grosse Unternehmen haben die überschüssigen Resourcen, um solche Verbände zu finanzieren und organisieren. Zudem ist auch verständlich, dass die meisten Experten des Strommarktes für diese Unternehmen arbeiten. Dies ist in keiner Weise verwerflich, schliesslich bieten grosse Stromkonzerne ganz einfach die meisten Jobs für Stromexperten. Wer denn sonst? Der Bund? Universitäten? Greenpeace? Diese stellen vielleicht ein bis zwei Experten an, aber bekanntlich gibt es deutlich mehr Leute mit solcher Ausbildung, und die Stromkonzerne brauchen solche Leute.
Entgegen den Aussagen der grossen Wirtschaftsverbände, sind aber die eigentlichen Gewinner und Verlierer nicht "die Wirtschaft" oder "die Unternehmen", sondern ganz bestimmte Unternehmen, und ganz bestimmte Formen des Wirtschaftens. Was ausgedient hat, ist die Idee von einigen wenigen Grosskraftwerken. Stattdessen braucht es eine Vielzahl, ein Netzwerk von kleinen und Kleinstkraftwerken, von der Solarzelle auf dem Dach, der Biogas-Anlage, der Holzheizung bis hin zum Windrad und dem Geothermiekraftwerk. Solche viele kleinen Produktionsstätten lassen sich extrem schlecht von einem grossen Konzern organisieren. Die Komplexität ist sehr hoch und mit traditionellen Strukturen kaum zu managen.
Stattdessen ist es eine grosse Chance für KMU und Enterpreneure. Wer installiert denn solche alternativen Energiequellen? Es sind lokale Kleinbetriebe. Wer betreibt die Solarzelle? Jeder einzelne Haushalt. Während ein AKW von einem französischen oder koreanischen Grosskonzern hingestellt wird, und dann ein paar Ingenieuren Arbeit bietet, liefert die nötige Installation von zahllosen kleinen alternativen Energiquellen Arbeit für zehntausende von Elektrikern, Sanitären, Monteuren etc. Gerade die einfachen Menschen, mit mittelmässiger Bildung haben daher grösstes Interesse an dieser Energiewende. Sie mögen ein paar Franken mehr für Strom bezahlen müssen, dafür ist ihre Arbeit viel gefragter. Ein guter Tausch.
Zuletzt noch eine kurze Überlegung aus Realwirtschaftlicher Sicht. Die Realwirtschaft versucht, das Geld in den Überlegungen zu abstrahieren: Da Geld ja nur ein Tauschmittel ist, und nur die Funktion des koordinierens und speicherns haben sollte, müssen die eigentlichen Wirtschaftsabläufe andere Treiber haben. Grundtreiber sind die Bedürfnisse und Notwendigkeiten, sowie das Angebot an Arbeitskraft und natürlichen Resourcen. Nun haben wir die Notwendigkeit alternativer Energie, sowie den Wunsch nach der Umstellung. Gleichzeitig haben wir genügend Rohstoffe für Alternativenergie-Kraftwerke UND mehr als genug Arbeitskraft, da ja bekanntlich die Arbeitslosigkeit in Europa vielerorts weit übe 10% liegt. Das Argument "zu teuer" hat also nichts mit Mangel zu tun, sondern mit schlechter Koordination. Wir haben das Material, wir hätten die Arbeiter und wir haben den Wunsch. Was hindert uns an der Umsetzung?

Dann noch ein Wort zu den Journalisten: Nur ganz wenige Medien haben bis vor kurzem je berichtet, dass es auch grosse wirtschaftliche Profiteure gäbe, wenn man die AKWs abstellt. Nur ganz wenige Medien erklären, weshalb economiesuisse gegen die Abschaltung der AKWs ist (Macht der Stromkonzerne innerhalb dieser Organisation). Während manche Journalisten in geradezu hämischer Weise über die Lebenssituation eines Strauss-Kahns berichten, genüsslich über die "bösen Banken" herziehen, werden die wahren Interessen von Strohmkonzernen noch fast nicht hinterfragt. Dass es bei der Energiewende auch um eine Umverteilung von wirtschaftlicher Macht geht, müsste jedem seriösen Journalisten klar sein. Es wäre wichtig, diesen Aspekt mehr zu thematisieren, damit die Bürger der Schweiz die Statements von verschiedenen Seiten auch richtig einordnen können.

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