Dienstag, 1. November 2011

Über die Werbung


Ich staunte nicht schlecht als ich auf der Ketchup-Flasche las: “A heart-healthy diet begins with a generous serving of ketchup in the morning”. Das war vor drei Jahren. Aber es hat sich in dem Bezug nicht viel geändert. Da wäre zum Beispiel die „Gesundheitsabteilung“ im Supermarkt wo Produkte für eine gesunde Ernährung angeboten werden: Wie wäre es mit Kellog’s Cornflakes? Zugegeben, die Cornflakes selber enthalten keinen Zucker, aber wie werden sie gegessen? In Milch und Zucker. Und selbst ohne Milch und Zucker sind sie nichts als völlig nährstoffarme Kohlenhydrate, die wohl kaum als gesund gelten können.

Doch man muss ja nicht gleich lügen, um Nahrung auf komische Art zu verkaufen. Wie wäre es mit Freilandeiern, die nicht datiert sind? Gekocht sind sie Glückssache: manche wirken ganz frisch und lassen sich auch dementsprechend gut schälen, andere haben eine ganz komische Konsistenz und das Eiweiss klebt förmlich an der Schale, wenn man die Eier zu schälen versucht. Und zwar Eier die aus der gleichen Schachtel kommen. Normalerweise würde ich ja die Marke wechseln, aber es sind die einzigen Freilandeier, zudem bedeutet mir der Satz „no hormones“ bei Eiern relativ viel.

Ebenfalls schön finde ich das Starkbier, welches zwar betont wie stark es sei, aber auf der Flasche steht nirgends, wie viel Volumenprozent Alkohol denn tatsächlich drin ist.

Kurz, hier wird den Grosskonzernen vieles erlaubt, was bei uns verboten wäre. Ganz bösartig sind die subtilen Werbungen, die mit dem philippinischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Europäern (die sie meist für Amerikaner halten) spielen. Als Beispiel diene die Nestlé Babymilch Werbung, wo eine weisse Mutter ihr weisses Baby mit Ersatznahrung füttert und so in etwa „Babynahrung, für rundum gesunde Babies“ auf dem Plakat steht. Nun muss man wissen, dass die Philippinos nach 300 Jahren spanischer Besatzung den Weiss-Kult völlig verinnerlicht haben. In Unmengen reiben sich vor allem Frauen sogenannte „whitening soap“ auf die Haut, von der ich gar nicht wissen will, was für Chemikalien sie der Haut alles zumutet. Wenn nun ein Plakat suggeriert, im Westen füttere man die Babies nur mit Ersatznahrung, oder gar, Ersatznahrung führe zu hellerer Haut, so grenzt das an ein Verbrechen an der Gesundheit der Babies.

Ganz allgemein im Bezug auf Werbung gibt es in den Philippinen nur ein Verkaufsargument: Preis. Alles ist immer am günstigsten. Gemäss Marketing-Theorie können Firmen sich über tieferen Preis oder „Differenzierung“ (also bessere Qualität, höhere Verfügbarkeit, etc.) von der Konkurrenz absetzen. Hier scheint es nur den Weg über den Preis zu geben. Selbst Luxusartikel verkaufen sich als „vergleichsweise günstig“.

Werbung gibt es in einem geradezu lächerlichen Ausmass. Ich habe noch nie so viel Werbung so dicht gedrängt gesehen wie hier in Manila. Was komisch ist, da Manila ja eines der tiefsten Pro-Kopf-Einkommen von allen Städten, die ich je besucht habe (und das sind viele), hat. Die mangelnde Kaufkraft der Einwohner soll wohl mit erhöhter Werbung wettgemacht werden. Das geht soweit, dass in der Hochbahn (sowas wie eine U-Bahn über Grund, von der es 3 völlig überlastete Linien gibt in Manila) am morgen akustische Werbung die Nerven der Bahnfahrer strapaziert: ein quengelndes Baby dröhnt aus den Lautsprechern und nach etwa 30 Sekunden kommt eine Stimme die sagt: „This babylaughter was brought to you by Energizer“. Ich werde nie wieder Energizer Batterien kaufen, wenn ich es irgendwie verhindern kann. Oder wie wäre es mit einer Radioeinschaltung wo der Moderator sagt: „es ist 8:30. Diese Zeitdurchsage wurde präsentiert von McDonalds. McDonalds zu jeder Zeit genau richtig“…

Grundsätzlich gibt es drei Typen von Werbung: Gesundheitszerstörer (Bier, Schnaps, Pizza, Fast-Food), Medikamente, Kreditanbieter und Jesus. Es wirkt fast wie ein Kreislauf: Zuerst zerstören sich die Leute ihre Gesundheit mit schrecklicher Ernährung (das Ausmass an Übergewicht steht den USA in fast nichts nach trotz viel tieferem Durchschnittseinkommen), dann brauchen sie Medikamente, welche die Nieren und Lebern noch weiter zerstören, und schiesslich enden sie in der Schuldenfalle worauf ihnen nur noch ein Wunder helfen kann.

Kapitalismus und Kirche, dass ist das System der Philippinen. Hier ist mein bester Beweis, dass „Freiheit und Demokratie“ nicht glücklich machen. Von der himmelschreienden Korruption in diesem Land später mehr.

Donnerstag, 29. September 2011

Luftverschmutzung und Klassengesellschaft: Die Innen- und die Aussenwelt


Wer immer sagt, die Luft in Peking sei schlecht, der war eindeutig noch nie in Manila. Was hier in den Himmel geblasen wird, das sucht wohl weltweit seinesgleichen. Besonders schlimm sind Busse, Jeepney und Motorräder. Busse, weil sie wohl aus den 60-Jahren stammen, wo offenbar noch keine Filter in die Auspuffe gemacht wurden, Motorräder, weil sie ebenfalls filterlos von Bastlern zusammengeflickt werden, und Jeepney, weil es Jeeps der US Armee sind, die in den 40er Jahren in die Philippinen kamen. Angeblich wurden die Motoren mal durch japanische Motoren ersetzt, was eine besondere Ironie trägt, weil die Amerikaner in erster Linie in die Philippinen kamen, um die Japaner zu vertreiben. Aber auch diese japanischen Motoren müssen sehr alt sein. Schwarzer Russ pufft hinten aus diesen Gefährten raus, wann immer der Fahrer aufs Gas drückt.

Die Verschmutzung ist im Vergleich zu Peking nicht nur mit Messgeräten erkennbar. Man muss nicht von Satelliten aus schauen, um die reduzierte Transparenz der Luft zu erkennen. Ich wohne im 24 Stock auf Etage 27 (weil es die Etagen 12-14 nicht gibt) und jedesmal wenn ich das Fenster öffne fliegt mir der Gestank von schlecht verbranntem Penzin in die Nase. Auf den Gehsteigen ist der Abgasgestank atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes. Doch am allerschlimmsten sind die Flüsse. Schwarze Brühe fliesst langsam vor sich hin, und irgend ein Gährungsprozess oder etwas führt dazu, dass sich auf der Oberfläche stets ringe bilden, als ob es regnete.  Der Gestank dieser Gewässer ist irgendwo zwischen Kloake und Schlachtabfällen anzusiedeln und übertrifft sogar noch die Abgase.

Zum allgemeinen Gestank und Dreck kommt natürlich noch die Hitze. Ausser während und kurz nach einem Taifun ist es tagsüber kaum je unter 30 Grad heiss. Während das auf dem Land recht angenehm ist, weil öfters mal ein Wind von der See her Erfrischung bringt, man sich im Schatten der Palmen ausruhen kann und die Luft auch wesentlich besser ist, bedeutet es in der Stadt, dass der Schweiss in Strömen fliesst und das Schweisstuch nach nicht allzu langer Zeit eine dunkelgraue Farbe annimmt. Kein Wunder also, dass auch die meisten Philippinos lieber gar nicht nach draussen gehen. Und dies führt zu einer Klassengesellschaft in einem Ausmass wie ich es bisher nicht kannte: Die Innen- und die Aussengesellschaft.

Die Innengesellschaft bewegt sich aus dem Gekühlten Apartment ins Auto, fährt dann in den Mall (gigantische gekühlte Hallen mit Läden, Restaurants, Kinos und sogar Kirchen drin) oder ins Büro, und Abends wieder zurück. Wie ausgeprägt dieser Lebensstil ist, wurde mir bewusst als wir für eine Studienreise in Kuala Lumpur, Malaysia, am Flughafen ankamen. Wir gingen alle nach draussen um auf den Bus zu warten. Die philippinischen Studenten in unserer Gruppe begannen sofort zu klagen, wie heiss es hier sei. Als ich meinte, es sei eher kühler als in den Philippinen antworteten sie: „Ach wirklich? Ich weiss nicht, ich gehe nicht oft nach draussen, ich mag die Hitze nicht.“

Die Aussengesellschaft kann sich solchen Luxus nicht leisten. Zu hause vermögen sie oft keine Klimaanlage und in die Malls dürfen sie nicht rein. Denn jeder Mall hat eine Eingangskontrolle, wo mit teuren Metalldetektoren gewedelt wird, man stets den Rucksack öffnen muss und dennoch das Gefühl nicht los wird, man hätte mühelos alle möglichen Bomben hineinschmuggeln können. Denn die Metalldetektoren piepsen brav, wenn sie durch Knopfdruck aktiviert werden. Das müssen sie auch, wenn der Wärter damit über meinen Laptop im Rucksack fährt. Wenn er danach aber nicht sehen will, was in diesem geschlossenen Seitenabteil meines Rucksacks drin ist, das den Detektor zum piepsen bringt, dann ist der ganze Nutzen des Detektors doch eher gering. Da Wärter grundsätzlich immer nur in ein Abteil des Rucksacks schauen, vielleicht auch weil sich meist riesige Schlangen vor den Kontrollpunkten bilden, ist der Nutzen dieser Wärter generell fragwürdig. Eine Wirkung haben sie aber: Ich habe noch nie einen der lumpig gekleideten Armen gesehen, auch nur zu versuchen an ihnen vorbei zu kommen. In den Malls gibt es die ganzen Bettler, Strassenhändler, Abfallsammler und Motorrad-Taxifahrer nicht. Sie gehören in die heisse, stickige, dreckige Aussenwelt. Die Innenwelt ist von ihnen unberührt.

Dann gibt es noch die Berufe, die draussen sein müssen, obwohl sie eigentlich eher gut bezahlt wirken. Besonders fallen mir da die Strassenpolizisten auf. Da der Verkehr ein totales Chaos ist, und Regeln absolut keine Wirkung haben, stehen die Strassenpolizisten auf Kreuzungen und regeln den Verkehr, anstatt auch nur zu versuchen, mittels Bussen langfristig einen Sinn für Verkehrsregeln unter den Verkehrsteilnehmern zu erzwingen. Da stehen sie dann, mit ihren langärmligen und langbeinigen Uniformen, in der prallen Sonne, der sengenden Hitze, im Russ und Staub. Die Strassenverkäufer, die sich zwischen den wartenden Autokolonnen vor Rotlichtern herumdrücken um Wasserflaschen oder Kleinkram zu verkaufen, haben wenigstens kurze Hosen, und können sich ein Tuch um den Mund binden. Die Polizisten sind der ganzen Harrschheit gnadenlos ausgesetzt. Die Lebenserwartung dieser Leute dürfte nicht allzu hoch sein.

Das spezielle an dieser Form der Klassengesellschaft ist, dass man sie an der Hautfarbe erkennt: Die Innenwelt ist weiss, die Aussenwelt braungebrannt. Die Innenwelt ist sauber, die Aussenwelt dreckig.

Mittwoch, 3. August 2011

Medienfreiheit das einzige Menschenrecht?

Der ehemalige russische Präsiden Wladimir Putin erhält den Quadriga-Preis für sein mutiges Engagement für eine stabile Deutsch-Russische Freundschaft, und die deutsche Intelligenzia läuft sturm, bis das Gremium beschliesst, dieses Jahr keinen Preis zu verleihen. Dieser Vorgang passt perfekt in unsere Zeit, wo Europa zunehmend selbstgerecht alles verurteilt, was nicht so ist wie Europa oder die USA. Dass Putin nach Jahren der Jelzinistischen Korruption und Stagnation es geschafft hat, Russland auf den zielstrebigen Weg nach vorne zu bringen, ist durchaus so manchen Preis wert. Dass er dafür eine gewisse Härte walten liess, ist unter gegebenen Russischen Umständen wohl unumgänglich. Und mein Mitleid mit den angeblich eingeschränkten Medienschaffenden in Russland hält sich in engen Grenzen, wenn ich an die britischen Medien denke.

Putin ist ein weiterer klarer Fall eines Regierungsystems (für welches er auch heute noch steht), welches vom regierten Volk zu grössten Teilen enorm geschätzt wird und zugleich im Westen in aller Schärfe kritisiert wird. Weshalb wird Putin so kritisiert? Angeblich geht es um Freiheit, Menschenrechte oder Demokratie. Wäre dem so, müsste Israel und Saudi Arabien täglich in grösster Empörung in unseren Medien kritisiert werden. Das einzige „Menschenrecht“, das bei uns wirklich als zentral behauptet wird, ist das Recht auf freie Presse. Der Grund dafür ist einfach: Es ist dasjenige Recht, von dem unsere Journalisten betroffen sind. Was kümmert einen Journalisten das Recht auf Nahrung? Hungernde Kinder geben Einschaltquoten, direkt betroffen ist bei uns niemand. Das Recht auf Arbeit? Journalisten haben ja ihre Anstellung. Religionsfreiheit? Äusserst selektiv: Wenn es zum Beispiel um das Recht einer Muslimin ein Kopftuch zu tragen geht, dann sind unsere selbsterklärten Verfechter der Menschenrechte auffällig still. Das einzige was unsere Journalisten wirklich kategorisch verurteilen, ist wenn sie und ihre Berufsgenossen eingeschränkt werden.

Journalisten sind auch nur Menschen, ihre Denkweise nachvollziehbar. Das Problem ist nur, dass viele Europäer glauben, unsere Medien berichteten „die Wahrheit“, da sie ja „frei“ und „neutral“ seien. Somit werden Racheberichte einzelner Journalisten plötzlich zu einer objektiv angenommenen Realität, persönliche Abneigungen führen zu politischen Spannungen weil unsere Politiker gezwungen sind, nach den Emotionalitäten der Medien zu agieren. Kein Politiker kann sich Freundschaft leisten zu jemandem, der von unseren Medien als böse eingestuft ist. In unserem Glauben an freie Medien haben gerade wir Europäer die Fähigkeit unsere Medien zu hinterfragen verloren.

Samstag, 9. Juli 2011

Eine Neubeurteilung der chinesischen Regierung

Aufgrund der hartnäckigen Ablehnung vieler Europäer gegenüber der chinesischen Regierung, möchte ich hiermit einen Denkanstoss geben. An erster Stelle steht die Einsicht, dass die chinesische Regierung nicht böse oder gar menschenfeindlich ist.

Eine Argumentation in vier Schritten


1.       Die Unterschiede der Überwachung sind graduell, nicht fundamental – Die  Motivationen für Einschränkungen sind gleich wie im Westen

2.       Das Bild der Totalüberwachung ist stark überzeichnet

3.       Die Gewichtung der Menschenrechte und der historische Kontext

4.       Die Zukunft ist in beiden Systemen unklar

1. Motivationen für die Überwachung von Medien


In China wird zensiert, vor allem im Internet und bei Drucksachen. Was vor allem zensiert wird, sind Pornographie und politische Meinungen die sich gegen die Regierung oder das politische System insgesamt richten.

Im Vergleich: bei uns wird Pädophilie und Sodomie im Internet bekämpft, genauso wie Versuche von terroristischen Organisationen wie Al Qaida, das Web 2.0 für ihre Zwecke zu „missbrauchen“ oder zu nutzen, je nach Perspektive. Ich möchte diese Zensur auch in keiner Weise kritisieren. Ich möchte sie nur bitte beim Namen nennen. Hinzu kommt bei uns noch die Bekämpfung von Piraterie, die in China weit weniger fortgeschritten ist.

Schauen wir auf die Motivation für diese Zensuren, die im Westen umschrieben werden können mit: Verstoss gegen die guten Sitten und menschliche Integrität, Schutz der Bevölkerung und der Regierungen vor Terror und Gewalt, sowie wirtschaftliche Interessen im Falle des Piraterie-Verbotes. In China sieht es genauso aus. Nur wird die Grenze anders gezogen: Während bei uns Sex mit Kindern und Tieren als pervers und empörend gilt, ist es in China jegliche Entblössung von Geschlechtsteilen, es sei denn im Rahmen von raren Kunst-Projekten welche toleriert werden. Während wir uns vor der Bedrohung durch Terroristen fürchten, fürchtet China jegliche Bedrohung der Stabilität, und sieht diese Bedrohung wesentlich früher als wir. Bei der Piraterie wiederum, sind wir wesentlich strenger in der Bekämpfung als die chinesische Regierung. Im dritten Teil werde ich fortfahren diese Beurteilungsunterschiede etwas zu erläutern.

2. Totalüberwachung?


Während es korrekt ist, dass systemkritische Äusserungen  im Internet und gedruckten Medien stark bekämpft wird, ist es ein Trugschluss zu glauben, diese Überwachung setze sich im privaten Leben der Bevölkerung fort. Die Toleranz gegenüber Nutzung des öffentlichen Raums durch Individuen zum Beispiel, ist in China wesentlich höher als in irgend einem mir bekannten westlichen Land. Was zu Freunden gesagt wird, ist solange OK, wie es in kleinen Kreisen geschieht. Das geht so weit, dass eine Uni Professorin durchaus ein höchst kritisches Bild der Gleichstellung von Mann und Frau in China zeichnen kann, vor einer Gruppe von 20 schweizerischen und 20 chinesischen Studierenden. Es geht auch so weit, dass es ein offenes Geheimniss ist, dass Uni Studenten in den modernen Städten genau wissen, wie die chinesischen Firewalls zu umgehen sind. Ein chinesisches Parteimitglied hat es mir so erklärt, dass er glaube, jene die Reif genug sind, um mit westlicher Propaganda kritisch umgehen zu können, die finden auch den Weg dazu. Jene die den Weg nicht finden, die hören auch besser nichts davon.

Ein letztes sehr eindrückliches Beispiel von chinesischer Redefreiheit erlebte ich an einer der zwei Top-Unis Chinas, wo Studenten ein Diskussionsforum organisierten. Anwesend waren nahezu 500 Studenten von mindestens 5 verschiedenen pekinger Universitäten. Parallel zu den Vorträgen der 6 Redner war auf zwei Leinwänden life-chat projiziert. So konnte jeder im Raum seine Kommentare abgeben, zu dem was geredet wird, aber auch zu allem anderen. Viele Kommentare drehten sich um das schlechte Englisch einer Rednerin und waren so respektlos, dass die Kommentierenden später von anderen Studenten im Chat zurechtgewiesen wurden, sie sollen den Lehrkörper bitte mehr respektieren. Diese Art von unzensierter und unkontrollierter Diskussion an einer Podiumsveranstaltung kann ich mir an meiner Uni nicht vorstellen. An einer Podiumsdiskussion in St. Gallen durften z.B. sechs studentische Teams nach einem dreitägigen Workshop genau einen Satz ins Plenum sagen, der zuvor von den Organisatoren abgesegnet worden war.

3. Der chinesische Kontext


Ein weiterer wichtiger Punkt der im Westen – etwas selbstgerecht – weitgehend ignoriert wird, ist die Tatsache, dass China durchaus einen starken Schutz von Menschenrechten gewährt. Nur ist die Bedeutung verschiedener Rechte anders gewichtet als bei uns: Das Recht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit, sowie das Recht auf genügend Nahrung, Arbeit und ein gesichertes Grundeinkommen stehen in China deutlich höher, als das Recht der Meinungsverbreitungsfreiheit, welches wir als Teil der Meinungsfreiheit betrachten.

3.1. Die chinesischen Menschenrechte


Gemessen an den eigenen Masstäben hat die Chinesische Regierung enorm viel erreicht. Das erste Versprechen der kommunistischen Partei war eine Schale Reis pro Person pro Tag. Gemäss Harro von Senger hat sie dieses Ziel binnen zweier Jahre erreicht, auch wenn es später nochmals zu massiven Hungersnöten kam. Betrachten wir die chinesische Regierung von 1978, also nach der Kulturrevolution (welche übrigens – nebst allem Schaden für China – für die Gleichberechtigung der Frauen sehr erfolgreich war) und Maos Tod, so können wir einen totalen Erfolg feststellen. Gälte das Argument, dass die Regierung das gleiche System vertritt welche für Hungersnöte und die Kulturrevolution verantwortlich ist, dann hätte auch die japanische Regierung, welche sich bis heute nicht von den Gräueltaten der japanischen Faschisten entschuldigt hat, ein grosses Problem. Ebenso wie die amerikanische, britische oder französische, welche sich nie für Verbrechen in Vietnam, Korea oder afrikanischen Kolonien entschuldigt haben.

Keine Regierung hat je in der Menschheitsgeschichte so viele Menschen aus absoluter Armut gehoben, noch so viele Menschen auf ein derart hohes Lebensniveau gebracht, wie es der chinesischen in den letzten 30 Jahren gelungen ist. Ich bin überzeugt davon, dass wer hungert nicht über Redefreiheit nachdenkt. Der aktuelle 100 Jahresplan der chinesischen Führung ist ein Leben in moderatem Wohlstand für alle Chinesen bis 2050. Dies zeigt einerseits den Planungshorizont den das politische System Chinas ermöglicht und erklärt zudem, weshalb China seine Währung so penetrant nicht aufwerten will.

3.2. Ein geschichtlicher Überblick


Weshalb sind denn nun Stabilität und Nahrungssicherheit derart wichtig in China? In Schnelldurchlauf der letzten 180 Jahre chinesischer Geschichte erlaubt viele Einsichten: Vor der Invasion der Europäer in China (weil China den Import von englischem Opium verbot) hatte China einen Anteil von über 30% an der gesamten Weltproduktion (BIP China im Vergleich zu BIP Welt), derart weit entwickelt war diese Kultur. Militärisch hatte sich China jedoch innert 400 Jahren kaum mehr weiter entwickelt, da es nicht an der Kolonialisierung nach europäischem Vorbild teilhatte, sondern sich abschottete. China wurde im Jahre 1839 von den Westmächten angegriffen und unterworfen. Diese richteten immensen kulturellen Schaden an und haben sich bis heute nicht bei China entschuldigt für diesen Krieg. 1912 kam es nach mehreren gescheiterten Revolten zu einem Bürgerkrieg. Kurz danach marschierten die Japaner ein. Die Gräueltaten der Japaner standen in Sachen Grausamkeit den Verbrechen der Nazis um nichts nach. Gegen 1930 kam es dann zu einem weiteren Bürgerkrieg im Verlaufe dessen sich Maos Kommunisten sowohl der Nationalisten als auch der Japanischen Besetzer entledigen konnte. Kurz darauf kam es zum „Grossen Sprung nach vorne“ mit katastrophalen Hungersnöten, und 1965 begann die „Kulturrevolution“ welche das Land 13 Jahre lang terrorisieren sollte.

Fasst man diesen Teil der chinesischen Geschichte zusammen so stellt man fest, dass das Volk über fast 140 Jahre hinweg unter Bürgerkriegen, Unterwerfungen und Revolutionen gelitten hat. Das sind fast 5 Generationen die kein friedliches Leben führen konnten. Danach beschloss die neue Führung Chinas unter Deng Xiaoping, dass das wirtschaftliche Wohlergehen des Volkes höher zu gewichten sei, als der Klassenkampf. Damit setzte China zu einer beispiellosen Entwicklung an, welche von vielen Schwellen und 3. Weltländern enorm bewundert wird. Meine Erfahrung ist, dass auch die Chinesen selber enorm dankbar sind für diese Führung, welche ihnen eine Perspektive und Hoffnung gibt.

3.3. Ein Blick auf Tiananmen 1989


Die Vorkommnisse auf Tiananmen 1989, wo gemäss New York Times etwa 50 Polizisten und zwischen 400 und 800 Zivilisten starben, muss vor der Erfahrungen der Kulturrevolution gesehen werden: Die Protestierenden waren eine Mischung aus gebildeten Studenten, welche mehr Demokratie und freie Wirtschaft forderten, und Bauern und Arbeitern, welche eine Rückkehr zum Klassenkampf forderten, weil sie am zunehmenden Reichtum nicht teilhaben konnten. So tragisch der Mangel an nicht-tödlichen Waffen bei der chinesischen Polizei ist, welcher eine weniger brutale Beendigung der Proteste ermöglicht hätte, so war doch die Möglichkeit eines landesweiten Bürgerkrieges nicht auszuschliessen.

Die langfristige Reaktion der Leute, welche nach 1989 an die Macht innerhalb der chinesischen Regierung kamen, ist ein starker Fokus auf zunehmenden Wohlstand aller Chinesen, sowie eine innen- wie aussenpolitisch friedliche Entwicklung. Das Argument, China müsse wachsen damit sich die Regierung an der Macht hält, ist dabei fadenscheinig: Versuchen denn nicht alle Regierungen dieser Welt Wachstum herbeizuführen? Der Unterschied ist, dass es der Chinesischen Führung gelingt.

4. Offene Zukunft


Wenn man auf die Abhängigkeit von Wachstum für den Erhalt eines Systems schaut, so kommt man unweigerlich auf die Westliche Welt zu sprechen. Die Demokratie befindet sich in vielen Ländern in der Krise. Radikale Kräfte gewinnen an Einfluss, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck, und wenn ein Volk eine Regierung wählt, die dem Westen nicht passt (Beispiel Hamas im Gaza-Streifen, Hisbollah in Jordanien), dann steht auch der Westen nicht mehr so felsenfest hinter dem jeweiligen Volkswillen. Der Skandal der Englischen Polizei, welche jahrelang von Medien bestochen Abhörungen von Privatpersonen toleriert ist ein weiterer Punkt der am Ideal der westlichen Welt kratzt.

An dieser Stelle möchte ich noch warnen davor, die Ideale des Westens mit der Realität Chinas zu vergleichen. China hat das Fernziel Demokratie seit der Revolution vor Augen, die Verfassung und Parteirichtlinien Chinas versprechen eine perfekte Welt. Genau wie es die Europäischen Verfassungen auch tun. Genau wie in China ist auch bei uns nicht alles so, wie es geschrieben steht. Und schaut man auf die USA, mit welchen Europa immernoch eng verbündet ist, so ist die Liste der Kriege seit dem zweiten Weltkrieg enorm lang. Der Völkermord an den Nordamerikanischen Ureinwohner ist dabei gar nicht eingerechnet. Einem Toten spielt es keine Rolle, ob er von einem anderen Land oder von der eigenen Regierung getötet wurde. Chinesische Todesstrafen von Unschuldigen können daher nicht als schlimmer bezeichnet werden, als der Tod von unschuldigen in internationalen Kriegen.

Dies sind alles Punkte, die man sich meiner Meinung nach bewusst sein sollte, wenn man die Menschenrechte in China kritisiert. Kommentare willkommen.