Donnerstag, 29. September 2011

Luftverschmutzung und Klassengesellschaft: Die Innen- und die Aussenwelt


Wer immer sagt, die Luft in Peking sei schlecht, der war eindeutig noch nie in Manila. Was hier in den Himmel geblasen wird, das sucht wohl weltweit seinesgleichen. Besonders schlimm sind Busse, Jeepney und Motorräder. Busse, weil sie wohl aus den 60-Jahren stammen, wo offenbar noch keine Filter in die Auspuffe gemacht wurden, Motorräder, weil sie ebenfalls filterlos von Bastlern zusammengeflickt werden, und Jeepney, weil es Jeeps der US Armee sind, die in den 40er Jahren in die Philippinen kamen. Angeblich wurden die Motoren mal durch japanische Motoren ersetzt, was eine besondere Ironie trägt, weil die Amerikaner in erster Linie in die Philippinen kamen, um die Japaner zu vertreiben. Aber auch diese japanischen Motoren müssen sehr alt sein. Schwarzer Russ pufft hinten aus diesen Gefährten raus, wann immer der Fahrer aufs Gas drückt.

Die Verschmutzung ist im Vergleich zu Peking nicht nur mit Messgeräten erkennbar. Man muss nicht von Satelliten aus schauen, um die reduzierte Transparenz der Luft zu erkennen. Ich wohne im 24 Stock auf Etage 27 (weil es die Etagen 12-14 nicht gibt) und jedesmal wenn ich das Fenster öffne fliegt mir der Gestank von schlecht verbranntem Penzin in die Nase. Auf den Gehsteigen ist der Abgasgestank atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes. Doch am allerschlimmsten sind die Flüsse. Schwarze Brühe fliesst langsam vor sich hin, und irgend ein Gährungsprozess oder etwas führt dazu, dass sich auf der Oberfläche stets ringe bilden, als ob es regnete.  Der Gestank dieser Gewässer ist irgendwo zwischen Kloake und Schlachtabfällen anzusiedeln und übertrifft sogar noch die Abgase.

Zum allgemeinen Gestank und Dreck kommt natürlich noch die Hitze. Ausser während und kurz nach einem Taifun ist es tagsüber kaum je unter 30 Grad heiss. Während das auf dem Land recht angenehm ist, weil öfters mal ein Wind von der See her Erfrischung bringt, man sich im Schatten der Palmen ausruhen kann und die Luft auch wesentlich besser ist, bedeutet es in der Stadt, dass der Schweiss in Strömen fliesst und das Schweisstuch nach nicht allzu langer Zeit eine dunkelgraue Farbe annimmt. Kein Wunder also, dass auch die meisten Philippinos lieber gar nicht nach draussen gehen. Und dies führt zu einer Klassengesellschaft in einem Ausmass wie ich es bisher nicht kannte: Die Innen- und die Aussengesellschaft.

Die Innengesellschaft bewegt sich aus dem Gekühlten Apartment ins Auto, fährt dann in den Mall (gigantische gekühlte Hallen mit Läden, Restaurants, Kinos und sogar Kirchen drin) oder ins Büro, und Abends wieder zurück. Wie ausgeprägt dieser Lebensstil ist, wurde mir bewusst als wir für eine Studienreise in Kuala Lumpur, Malaysia, am Flughafen ankamen. Wir gingen alle nach draussen um auf den Bus zu warten. Die philippinischen Studenten in unserer Gruppe begannen sofort zu klagen, wie heiss es hier sei. Als ich meinte, es sei eher kühler als in den Philippinen antworteten sie: „Ach wirklich? Ich weiss nicht, ich gehe nicht oft nach draussen, ich mag die Hitze nicht.“

Die Aussengesellschaft kann sich solchen Luxus nicht leisten. Zu hause vermögen sie oft keine Klimaanlage und in die Malls dürfen sie nicht rein. Denn jeder Mall hat eine Eingangskontrolle, wo mit teuren Metalldetektoren gewedelt wird, man stets den Rucksack öffnen muss und dennoch das Gefühl nicht los wird, man hätte mühelos alle möglichen Bomben hineinschmuggeln können. Denn die Metalldetektoren piepsen brav, wenn sie durch Knopfdruck aktiviert werden. Das müssen sie auch, wenn der Wärter damit über meinen Laptop im Rucksack fährt. Wenn er danach aber nicht sehen will, was in diesem geschlossenen Seitenabteil meines Rucksacks drin ist, das den Detektor zum piepsen bringt, dann ist der ganze Nutzen des Detektors doch eher gering. Da Wärter grundsätzlich immer nur in ein Abteil des Rucksacks schauen, vielleicht auch weil sich meist riesige Schlangen vor den Kontrollpunkten bilden, ist der Nutzen dieser Wärter generell fragwürdig. Eine Wirkung haben sie aber: Ich habe noch nie einen der lumpig gekleideten Armen gesehen, auch nur zu versuchen an ihnen vorbei zu kommen. In den Malls gibt es die ganzen Bettler, Strassenhändler, Abfallsammler und Motorrad-Taxifahrer nicht. Sie gehören in die heisse, stickige, dreckige Aussenwelt. Die Innenwelt ist von ihnen unberührt.

Dann gibt es noch die Berufe, die draussen sein müssen, obwohl sie eigentlich eher gut bezahlt wirken. Besonders fallen mir da die Strassenpolizisten auf. Da der Verkehr ein totales Chaos ist, und Regeln absolut keine Wirkung haben, stehen die Strassenpolizisten auf Kreuzungen und regeln den Verkehr, anstatt auch nur zu versuchen, mittels Bussen langfristig einen Sinn für Verkehrsregeln unter den Verkehrsteilnehmern zu erzwingen. Da stehen sie dann, mit ihren langärmligen und langbeinigen Uniformen, in der prallen Sonne, der sengenden Hitze, im Russ und Staub. Die Strassenverkäufer, die sich zwischen den wartenden Autokolonnen vor Rotlichtern herumdrücken um Wasserflaschen oder Kleinkram zu verkaufen, haben wenigstens kurze Hosen, und können sich ein Tuch um den Mund binden. Die Polizisten sind der ganzen Harrschheit gnadenlos ausgesetzt. Die Lebenserwartung dieser Leute dürfte nicht allzu hoch sein.

Das spezielle an dieser Form der Klassengesellschaft ist, dass man sie an der Hautfarbe erkennt: Die Innenwelt ist weiss, die Aussenwelt braungebrannt. Die Innenwelt ist sauber, die Aussenwelt dreckig.

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